DAS KALTE HERZ

💙 PREMIERE Juni 26
Es fällt auf, dass die Erzählung nicht mit der typischen Märchenformel Es war einmal beginnt, sondern dass der erste Satz an Reiseliteratur anklingt: Wer durch Schwaben reist, der sollte nie vergessen, auch ein wenig in den Schwarzwald hineinzuschauen; nicht der Bäume wegen, … sondern wegen der Leute.

Nach Ottmar Hinz steht die Erzählung „an der Schwelle des literarischen Realismus“ mit einem „subtilen Psychogramm verletzter, verletzender und heilender Männlichkeit“; zugleich bewahrt es „die Sehnsucht der Romantik nach Liebe und ihren Glauben an das Gute im Menschen“. Dies wird deutlich, indem Lisbeth und Peter wieder zueinander finden und ein Kind bekommen, sowie in der Rückkehr der Mutter.[1]

Es spielen:
Patrick Schmid          Peter Munk
Johannes Sandrock       Holländer Michel
Jan Bardon              Glasmännlein
Jan Da Rin              Ezechiel
Christin Eftimov        Lisbeth
Désirée Leers           Mutter / Wirtin

Regie
Daniel Leers und Stefanie Blume-Ruhnke

Assistenz
Stefanie Blume-Ruhnke

Bühne
Jan Da Rin

Licht und Ton
Jasmin Schweizer

Musik-Coach
Joachim Borgmann

Tanz
Lena Jund

 

Bei den Menschen, die das mitfühlende Herz gegen einen Stein austauschen und durch die so gewonnene Rücksichtslosigkeit erfolgreich werden oder auch sympathisch wirken, denkt der Autor vermutlich an das Krankheitsbild des Psychopathen.

Der Halbwaise Peter Munk ist Kohlenbrenner. Dieses Handwerk ist zu jener Zeit ein „Auslaufmodell“, da die Bergwerke und Dampfmaschinen diese Arbeiten schneller erbringen können.[2] 1809 starb Hauffs Vater, Hauff war damals erst sieben Jahre alt. Probleme des jungen Hauff könnten in der Figur von Peter Munk gespiegelt sein, der anfangs moralisch und psychisch ungefestigt ist und von Gefühlen der Minderwertigkeit geplagt wird. Peter geht zum „falschen Vater“ Holländermichel, da er kein Urvertrauen in seinen Werksinn hat. Mit dem Allerweltsnamen Peter kann sich jedermann identifizieren.[3]

Das Glasmännlein steht offenbar für das Gewissen bzw. (nach der Terminologie von Freud) für das Über-Ich oder für den positiven Archetyp des Vaters (nach der Terminologie von Jung). Es kann auch als moralischer Kompass, als daimonion (nach dem Begriff des Sokrates), angesehen werden. Es steht außerdem für „bürgerlichen Gewerbefleiß und soziale Moral“, während der Holländermichel das ungebremste „Gewinnstreben des Handelskapitals im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts“ darstellt. Der Name Ezechiel geht auf den biblischen Propheten Ezechiel zurück, welcher sprach: „Ich werde das steinerne Herz aus eurem Leib herausnehmen und euch ein fleischernes Herz geben“.[4]

Peter Munk verharrt im Zustand der Selbstentfremdung, indem er spielt, tanzt, trinkt und nach Reichtum und äußerlicher Geltung strebt. Peter ist im mittleren Erwachsenenalter, d. h., er steht nach dem Modell von Erik Erikson (Identität und Lebenszyklus) auf der Stufe „Generativität vs. Stagnation“. Zu den zentralen Aufgaben dieses Lebensalters gehören die Weitergabe des Lebens an die nächste Generation, Hausbau und soziales Engagement. Peter scheitert anfangs an diesen Aufgaben. Doch am Ende der Erzählung hält er einen „schönen Knaben“ als stolzer Vater in den Händen. Die Wendung zum Positiven erfolgt durch eine Veränderung seiner inneren Einstellung und seiner Bewertungsmaßstäbe mit Hilfe des Glasmännleins, das ihm noch eine Frist von acht Tagen gewährt hatte. Peter schafft die Umkehr in symbolträchtigen sieben Tagen.

Das Geld dominiert nahezu leitmotivisch die gesellschaftliche Praxis: Meinungen, sozialer Umgang, Respektbezeugungen, Einfluss und Ansehen hängen in Das kalte Herz fast ausnahmslos vom materiellen Reichtum ab. Das Herz aus Stein repräsentiert als Dingsymbol die immer stärker sich ausbildende Verbindung zwischen Reichtum, Geldgier und Hartherzigkeit.

Hauff beginnt sein Werk mit dem Hinweis auf das Gewerbe vieler Schwarzwälder: „Sie handeln mit ihrem Wald; sie fällen und behauen ihre Tannen, flößen sie durch die Nagold in den Neckar und von dem obern Neckar den Rhein hinab, bis weit hinein nach Holland, und am Meer kennt man die Schwarzwälder und ihre langen Flöße; sie halten an jeder Stadt, die am Strom liegt, an und erwarten stolz, ob man ihnen Balken und Bretter abkaufen werde; ihre stärksten und längsten Balken aber verhandeln sie um schweres Geld an die Mynheers, welche Schiffe daraus bauen.“ Holzeinschlag und die Flößerei gehören zum wirtschaftsgeschichtlichen Hintergrund seines Werkes.[5] Hauff vollendete das Werk im Juli 1827, nach einer Wirtschaftsdepression, ausgelöst von Großbritannien, wobei in Süd- und Westdeutschland ganze Gewerbezweige durch die Massenproduktion der überlegenen britischen Industrie verschwanden.

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